Als die AIDAnova Ende 2018 in Dienst kam, war sie das erste große Hochsee-Kreuzfahrtschiff, das im regulären Betrieb vollständig auf Flüssigerdgas (LNG) ausgelegt war. Acht Jahre später ist daraus ein breiter Neubaupfad geworden. Carnival, MSC, Royal Caribbean, Disney, TUI und Norwegian setzen LNG entweder bereits ein oder haben LNG-fähige Schiffe im Zulauf.
Die Bilanz ist weniger eindeutig, als es die Marketingformel „sauberer Treibstoff“ nahelegt. LNG löst einige klassische Abgasprobleme sehr gut. Es löst aber nicht automatisch das Klimaproblem der Kreuzfahrt.
Der LNG-Bestand 2026
Eine taggenaue Zählung ist schwierig, weil Reedereien unterschiedlich zwischen LNG-ready, Dual-Fuel und tatsächlichem LNG-Betrieb unterscheiden. Für Anfang 2026 ist eine konservative Größenordnung von rund 25 bis 30 LNG-fähigen Hochsee-Kreuzfahrtschiffen in Dienst plausibel; weitere Einheiten folgen 2026 und 2027.
Zu den wichtigsten Flotten zählen AIDA, Costa, Carnival Cruise Line, P&O Cruises, MSC Cruises, Royal Caribbean, Disney Cruise Line, TUI Cruises und Norwegian Cruise Line. Die wichtigste Veränderung gegenüber 2018 ist damit nicht nur die Zahl der Schiffe, sondern die Normalisierung: LNG ist kein Exot mehr, sondern bei großen Neubauten eine der Standardoptionen.
Was LNG kann
Gegenüber Schweröl oder älteren Destillat-/Residualbrennstoffen bringt LNG klare Vorteile bei lokalen Luftschadstoffen: Schwefeloxide werden praktisch eliminiert, Stickoxide sinken je nach Motor und Last deutlich, Partikel und Ruß werden stark reduziert. Auch CO₂ am Schornstein liegt pro Energieeinheit grob niedriger als bei konventionellen Ölbrennstoffen.
Für Hafenstädte und Küstenregionen ist das relevant. Ein LNG-Schiff riecht, raucht und belastet die direkte Umgebung deutlich weniger als ältere Einheiten mit Schwerölbetrieb und Abgasnachbehandlung.
Was LNG nicht kann
Der Knackpunkt ist Methan-Slip: unverbranntes Methan, das aus dem Motor in den Abgasstrom gelangt. Methan bleibt zwar deutlich kürzer in der Atmosphäre als CO₂, wirkt kurzfristig aber sehr viel stärker. Über 20 Jahre liegt die Klimawirkung von fossilem Methan grob beim 80-Fachen von CO₂.
Damit entscheidet die Slip-Rate darüber, ob LNG beim Klima wirklich besser ist. Bei niedrigen Slip-Werten bleibt ein Vorteil. Bei höheren realen Werten kann er schrumpfen oder verschwinden. Genau hier gehen Herstellerangaben, Reedereiangaben und unabhängige Messungen auseinander. Industrie und Reedereien verweisen auf technische Verbesserungen; Umweltverbände und Forschungsinstitute kritisieren, dass reale Betriebsprofile — Teillast, Manöver, Hafenbetrieb — schlechter aussehen können als Prüfstandswerte.
Die seriöse Formulierung lautet deshalb: LNG ist ein Luftschadstoff-Fortschritt, aber kein klimaneutraler Treibstoff.
Bunkern: von Speziallogistik zu Routinenetz
Auch die Infrastruktur ist gereift. 2018 war LNG-Bunkern für Kreuzfahrtschiffe noch eine Spezialoperation. 2026 gibt es ein dichteres Netz, besonders in Europa, Florida/Karibik und Teilen Asiens. Häfen wie Rotterdam, Barcelona, Hamburg, Marseille, Port Canaveral, Miami, Galveston und Singapur sind für die Routenplanung zentral.
Trotzdem bleibt LNG abhängig vom Heimathafen- und Routennetz. Ein Schiff kann nur dann konsequent mit LNG betrieben werden, wenn Bunkerfenster, Lieferkette und Hafenlogistik zur Reise passen. Sonst läuft ein Dual-Fuel-Schiff wieder mit Marine Gas Oil oder einem anderen Ersatzbrennstoff.
Was danach kommt
LNG war nie das Ziel, sondern eine Brücke. Die nächste Brücke heißt Methanol, weil es leichter zu lagern ist als Wasserstoff und bestehende Hafenlogistik einfacher angepasst werden kann. Wasserstoff wiederum wird zunächst ein Spezialfall bleiben — interessant für kurze, regulierte Routen, aber noch nicht für globale Großkreuzfahrt.
Der entscheidende Maßstab für die 2030er Jahre wird nicht sein, wie viele Schiffe LNG-fähig sind. Entscheidend wird sein, ob die Branche genug erneuerbare Kraftstoffe bekommt, um fossiles LNG, fossiles Methanol und fossilen Diesel tatsächlich zu ersetzen.
Im Atlas
Welche Schiffe LNG-fähig sind, zeigt das Filter-Feld Treibstoff im Schiffe-Verzeichnis.