Royal Caribbean ist die Reederei der Superlative. Icon of the Seas hält mit rund 248.000 GT den Größenrekord, die World- und Icon-Klasse treiben das Wettrennen um das größte Schiff der Welt an. Umso bemerkenswerter ist, was der Konzern zuletzt bestellt hat: kleinere Schiffe — und Flusskreuzfahrt.
Die Discovery-Klasse: bewusst nicht größer
Mit der neuen Discovery-Klasse bricht Royal Caribbean mit der eigenen „immer größer”-Logik. Gebaut wird sie bei Chantiers de l’Atlantique in Saint-Nazaire — derselben Werft, die für MSC die World-Klasse fertigt. Die ersten beiden Einheiten sind für 2029 und 2032 vorgesehen, dazu Optionen für vier weitere.
Entscheidend ist die Dimensionierung: Die Discovery-Schiffe sollen im mittleren 100.000-GT-Bereich liegen — also deutlich unter der Icon-Klasse — und vor allem panamatauglich sein. Das klingt technisch, ist aber strategisch. Schiffe, die den Panamakanal passieren können, erreichen Fahrtgebiete und Häfen, die den Mega-Schiffen verschlossen bleiben: Alaska, kleinere Destinationen, flexiblere Routen.
Die Discovery-Klasse gilt als Beginn des Ersatzes für die in die Jahre gekommene Vision-Klasse aus den späten 1990ern. Royal Caribbean erneuert damit das kleinere Ende der Flotte — genau das Segment, das in der Rekordjagd der letzten Jahre vernachlässigt wurde.
Celebrity geht an den Fluss
Noch deutlicher wird der Strategiewechsel beim zweiten Vorhaben: Royal Caribbean steigt über die Premiummarke Celebrity Cruises in die Flusskreuzfahrt ein — ein Markt, in dem der Konzern bislang gar nicht vertreten war und der traditionell von europäischen Spezialisten wie Viking, A-ROSA oder nicko cruises dominiert wird.
Die ersten Flussschiffe Celebrity Compass und Celebrity Seeker sollen 2027 in Europa starten, weitere folgen 2028. Die ursprünglich zehn geplanten Einheiten wurden bereits auf 20 Schiffe bis 2031 verdoppelt — ein klares Bekenntnis. Die Kapazität pro Schiff dürfte bei rund 172 Passagieren liegen, also einen Bruchteil eines Ozeanriesen.
Warum das kein Widerspruch ist
Auf den ersten Blick wirkt das paradox: Dieselbe Reederei, die das größte Schiff der Welt betreibt, baut jetzt Flussboote für 172 Gäste. Tatsächlich ist es dieselbe Logik aus zwei Richtungen.
Die Mega-Schiffe maximieren Skaleneffekte und Bordumsätze in wenigen großen Häfen. Discovery-Klasse und Flussflotte erschließen das Gegenteil: Flexibilität, neue Regionen, höhere Preispunkte pro Gast. Royal Caribbean verteilt damit sein Risiko und besetzt mehr Segmente — vom Massenmarkt bis zur Premium-Nische. Es ist die gleiche Diversifikationsbewegung, die wir auch bei Carnival und im deutschen Nischenmarkt sehen, nur in beide Richtungen zugleich.
Der Werftblick
Auch hier ist die Werftenkarte aufschlussreich. Mit der Discovery-Klasse bindet Royal Caribbean zusätzliche Kapazität bei Chantiers de l’Atlantique — eine Werft, die durch die World-Klasse ohnehin schon stark ausgelastet ist. Der europäische Großschiffbau wird damit noch enger getaktet, und die Konzentration auf wenige Häuser verschärft sich weiter.
Im Atlas
Die Schiffe und Klassen von Royal Caribbean und Celebrity sind im Schiffe-Verzeichnis erfasst, die bauenden Werften mit Historie und Auftragslage.